Atradius erwartet aufgrund der abgeschwächten Konjunktur einen Anstieg von Forderungsausfällen in Europa.

Das Kreditversicherungsunternehmen Atradius rechnet damit, dass die Forderungsrisiken bei Geschäften mit Konsumgüterhändlern in Europa in diesem Jahr erheblich steigen. So sehen die Risikoanalysten des internationalen Kreditversicherers in den großen Absatzmärkten der hiesigen Exportwirtschaft eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Forderungsausfällen, unter anderem bei Lieferungen an Konsumgüterhändler in Großbritannien, Italien, Belgien und Frankreich. Das geht aus der aktuellen Atradius-Analyse Markt Monitor Consumer Durables hervor.

„Die Zeiten, in denen Handelsunternehmen lediglich neue Standorte eröffnen und Verkaufsflächen erweitern mussten, um erfolgreich zu wachsen, sind Vergangenheit“, sagt Andreas Tesch, Chief Market Officer von Atradius. Fortschrittliche Online-Anbieter gewinnen zunehmend Marktanteile. Händler, die bei dieser Entwicklung nicht konsequent mitziehen, können morgen schon vom Markt verschwunden sein. Zudem ist es für Konsumenten dank des Internets so einfach wie nie zuvor, Preise sowie Warenqualität zu vergleichen und gegebenenfalls andere Angebote anzunehmen. Das alles stellt viele Firmen vor immer größere Herausforderungen. Die gestiegenen Forderungsrisiken spiegeln diese Entwicklung letztlich wider.

In Großbritannien hat die anhaltende Unsicherheit über den Brexit die Verbraucherstimmung eingetrübt, was der Einzelhandel unmittelbar zu spüren bekommt. Während die Umsatzentwicklung bei Haushaltsgeräten noch verhältnismäßig stabil ist, wird der Möbelhandel derzeit auch von höheren Materialpreisen aufgrund des schwachen Pfunds stark beeinträchtigt. Viele britische Möbelhersteller sind auf Importe angewiesen und müssen die Mehrkosten an den Handel weiterreichen. Im britischen Unterhaltungselektroniksegment sind die Marktbedingungen aufgrund fehlender Innovationen ebenfalls schwieriger geworden. Die Margen sind 2018 erheblich zurückgegangen und dürften auch in diesem Jahr weiter schwinden insbesondere im stationären Geschäft. Die Zahl der Insolvenzen britischer Handelsfirmen dürfte 2019 gemäß Atradius-Prognose um mehr als 5 % zunehmen, nachdem sie bereits 2018 auf 2.600 gemeldete Firmenpleiten gegenüber 1.400 im Jahr 2017 angestiegen ist und sich somit fast verdoppelt hat.

Auch der italienische Handelssektor kämpft mit einer gravierenden Nachfrageschwäche, hervorgerufen durch eine abkühlende Konsumlaune. Verschärfen könnte sich die Situation, wenn die derzeitige Regierung ihre Ankündigung umsetzt und die Zahl der Sonntage, an denen Geschäfte in Italien geöffnet haben dürfen, drastisch reduziert. Vor diesem Hintergrund geht Atradius davon aus, dass die Umsätze des stationären Handels in Italien in diesem Jahr gegenüber 2018 stagnieren. Die durchschnittliche Zahlungsdauer unter italienischen Handelsunternehmen bleibt hoch, 2018 lag sie bei 80 bis 90 Tagen. Besonders gefährdet für Forderungsausfälle sind in den kommenden Monaten Anbieter von Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik.

„Für alle Konsumgüterhändler muss es heute darum gehen, das Online-Geschäft auf- beziehungsweise auszubauen, die digitale Kommunikation mit potenziellen Konsumenten zu verbessern sowie zusätzliche Dienstleistungen anzubieten“, so Tesch weiter. „Das erfordert viel Engagement, Veränderungsbereitschaft und große Investitionen – ein Kraftakt in Zeiten schwindender Margen. Die entscheidende Frage für die Branche lautet deshalb, wie viele der bereits angeschlagenen Einzelhändler die notwendigen Mittel zur Transformation ihres Geschäftsmodells aufbringen können.“

Für Dienstleister und Lieferanten belgischer Konsumgüterhändler prognostizieren die Risikoanalysten ebenfalls deutlich zunehmende Forderungsrisiken. Auch hier können bei Weitem nicht mehr alle Händler im zunehmend wettbewerbsintensiven Marktumfeld mithalten. Die Preise stehen erheblich unter Druck, insbesondere bei Unternehmen, die hauptsächlich Elektronikwaren verkaufen. Deren Geschäft wird derzeit besonders stark durch das Auftreten von großen Online-Anbietern beeinträchtigt. Daneben dürfte sich auch die Liquiditätssituation in der Möbelbranche infolge schrumpfender Margen weiter zuspitzen.

Die durchschnittliche Zahlungsdauer der belgischen Einzelhändler liegt bei 30 bis 60 Tagen. Atradius geht davon aus, dass die von Konsumgüterhändlern verursachten Zahlungsverzögerungen in diesem Jahr weiter zunehmen, ebenso die Insolvenzfälle in der Branche.

2018 war ein schwieriges Jahr für Frankreichs Konsumgüterbranche. Zu den sich verändernden Marktgegebenheiten kam eine gedämpfte Konsumlaune hinzu. Darüber hinaus belasteten die Ausschreitungen im Zuge der sogenannten Gelbwestenbewegung das für viele Unternehmen wichtige Jahresschlussgeschäft noch zusätzlich. Daher sind 2018 die Margen der Konsumgüterhersteller insgesamt erneut gesunken.

In diesem Jahr wird mit einer weiterhin verhaltenen Inlandsnachfrage in Frankreich gerechnet. Atradius geht vor diesem Hintergrund von weiter zunehmenden Nichtzahlungs- und Insolvenzmeldungen im Einzelhandel aus. Besonders kritisch sehen die Risikoanalysten die Situation von kleineren französischen Möbelhändlern infolge eines schwachen Wohnungsbaumarktes. Auch bei Geschäften mit Anbietern von Haushaltsprodukten und Elektronikwaren dürfte das Forderungsrisiko steigen. Einziger Lichtblick sind spezialisierte Anbieter von Küchenaccessoires, deren Umsätze sich zuletzt gut entwickelt haben und auch künftig steigen dürften.